Man kann sich auf dem WGT stressen und versuchen, so viel wie möglich
mitzunehmen. Man kann sich gemütliche vier Tage machen, den Zeltplatz
vielleicht nur zum essen und duschen verlassen, oder man wählt den goldenen
Mittelweg, sucht sich im Vorfeld ein paar Konzerte raus, die man sehen will und
freut sich dann, wenn man es zu dem ein oder anderen auch schafft. Wir haben
alles mal ausprobiert, bis auf die Sache mit dem zelten.
So starteten wir ganz gemütlich am Freitag 13:00 Uhr mit einem kleinen
Schminkkurs in das Wochenende. An MakeUp und Kriegsbemalungen war unter den
zahlreichen Gästen alles dabei, von Farbe vergessen bis reingefallen in den
Topf. Bei vielen Augen konnte das Schwarz nicht dick genug sein – verdeckt auch
prima die dicken dunklen Augenringe, die man im Allgemeinen ab dem zweiten Tag
hat – und besonders Montag sahen wir die Lippen der Damen immer dunkler werden.
Neben weißen Gesichtern gab es auch blutige, neben unspektakulären auch solche,
auf denen man den Blick gerne eine Weile ruhen ließ. Auch an Kleidung war für
jeden Geschmack etwas dabei. Von sexy Unterwäsche über Fetzen bis hin zu
viktorianischen Kleidern sah man alles durch die Straßen Leipzigs huschen.
Röcke trug man dieses Jahr durchsichtig, wenn überhaupt. Spritzenhalsbänder und
Schirme waren beliebte Accessoirs.
Unser erster Gang mit neuen Gesichtern führte uns dann auch gleich auf das
AGRA Gelände, wo wir uns mit allem was das Herz begehrt eindecken konnten. Am
meisten begeisterte mich die Auswahl der Petticoats, die ich jedoch im
Gegensatz zu den WGT-Besuchern drunter ziehen würde. An den Kleidern bin ich
dann doch lieber schnell vorbei gegangen. Meine VISA Karten rauchten zwar noch
nicht, aber ich hab auch noch keinen gefunden, der freiwillig die Rechnung
begleichen würde, die ja leider folgt. Und ganz praktisch sind die traumhaft
schönen Kleider auch nicht. So manche Dame füllte stolze zwei Kinderwagenplätze
in der Straßenbahn mit ihren Reifröcken, wenn sie denn noch reinkam.
Ohne neue Errungenschaften ging es dann erst einmal für eine kleine
Stärkung nach Hause, bevor wir am Abend ins Werk II stöckelten. Das war gut
gefüllt, kein Wunder bei den rockigen Klängen, die uns schon auf dem Hof
entgegen schlugen. Als wir eintraten, standen gerade Eisheilig auf der
Bühne. Mich haben sie sofort überzeugt und ich hoffe, bald die aktuelle CD
„Imperium“ von ihnen zu bekommen. Der Sound war schwer und doch erfrischend.
Danach betrat die Band Untoten
die Bühne. Der Applaus galt wohl erst einmal dem Outfit der Sängerin. Die hatte
den lästigen Rock einfach weggelassen und nur ein Korsett mit einem goldenen
Pailettenbalero getragen. War ja auch viel zu warm für mehr Kleidung. Ich weiß
wovon ich rede, denn ich hielt es vor Hitze an den Füßen kaum noch aus. So ist
das in dichtgedrängten Mengen, man friert nicht. Die Untoten waren
wahrscheinlich auch musikalisch gar nicht zu verachten, aber ich kam nicht über
die Zeilen ihres Openers hinweg: “Weißt du noch, weißt du noch wie es früher
war, ich weiß es noch, ich war ja selber da.” Ich bin mir sehr sicher, dass
meine Oma mit irgendwann einmal das Lied in ihrer Lieblingssendung
Musikantenstadl vorgespielt hat. Zumindest zu den Feiertagen lässt man sich von
seiner Verwandtschaft zu vielem zwingen und irgendwann einmal drehe ich den
Spieß um, dann feiern wir bei mir und ich lege Eisheilig oder Lord of the Lost
auf. Aber noch gibt es Florian Silbereisen und seine Freunde zu Weihnachten. Wer
nur hat das Lied gesungen? War es Andrea Berg oder Helene Fischer? Oder sollten
die Untoten gar die neue Band von Michelle sein? Die brauchte doch mal wieder
Geld? Ich hab von dem Rest der Show nicht viel mitbekommen, weil ich krampfhaft
versuchte mich zu erinnern, von wem das Lied war. Nur so viel, die Untoten
singen teilweise auch auf Englisch und wenn ich ein paar Textzeilen ausgemacht
habe, dann waren es nie gute und als wir gingen, mußte ich erst einmal ein
wenig Frust ablassen. Das haben wir gleich in positive Energie umgewandelt und
uns die MySpace Profile einiger Bands angeschaut, die Samstag auftraten, um uns
einen Plan zu erstellen. Es wurde ein sehr voller Plan. Am Ende war fast der
ganze Samstag bei mir angestrichen. Also ins Bett und versucht, genug Schlaf zu
bekommen.
So etwas klappt natürlich nie. Der natürliche Tagesrhythmus lässt einen
nicht länger schlafen, nur weil WGT ist und dann brauchte man ja auch noch
Zeit, weil es nun ans selber schminken ging. Meine Arbeitskollegen haben mich
nicht wieder erkannt, als wir mal vorbeischauten und Hallo sagten, also ist
zumindest diese Mission geglückt. 12:30 Uhr schon hatten wir als kleines
Frühstück das Düsterpiano mit Dr. Oliver
Niemzig (http://www.Oliver-niemzig.de) in der Sixtina auf dem Plan stehen.
Dafür hatte sich das frühe Aufstehen auch wirklich gelohnt und es wurden gleich
einmal Pläne geschmiedet für die Hochzeit, sollte es irgendwann einmal dazu
kommen. Hehe, soviel zu den Racheplänen zwecks Musikantenstadl. Das Düsterpiano
heißt nicht ohne Grund so, es klingt wirklich düster. Aber sehr gut. Dr. Oliver
Niemzig war auch voll dabei mit Gedanken und Körpereinsatz. Der kleine Hof war
brechend voll, aber wahrscheinlich hätte er auch völlig ohne Gäste so
hingebungsvoll gespielt. Nicht alle sind wegen ihm gekommen, viele wollten auch
nur das Absinthfrühstück genießen, aber es gab ganz offensichtlich keinen, der
auf die musikalische Untermalung hätte verzichten wollen. Dafür war es zu gut.
Über Leipzig lachte an diesem Samstag die Sonne und so genossen wir im
nahegelegenen Johannisfriedhof die wärmenden Strahlen und das leuchtende Grün
der Bäume, bevor wir in Auerbachs Keller gingen für eine Stärkung. Leider haben
wir wegen dem leckeren Mittagessen den Auftritt von Lord of the Lost (http://www.myspace.com/lordofthelost) verpasst,
aber es reichte noch, mir ihre CD „Fear“ zu kaufen und vom Lord persönlich
signieren zu lassen. Jetzt kann ich die genial tiefe Stimme daheim so oft
genießen wie ich möchte. Zu jeder Tages- und Nachtzeit und sogar beim Essen. Es
war auch beruhigend zu sehen, wie fertig er schon am zweiten Tag des WGT
aussah. Noch hatte ich gute Hoffnung, selbst am vierten und letzten Tag
frischer dreinzublicken.
Einmal da im Kohlrabizirkus blieben wir gleich für die nächste Band My Insanity. Wir hätten uns diese Band
sicher nicht rausgesucht, aber als wir da so saßen, waren wir doch recht
angetan. Der Rhythmus ließ uns während des ganzen Auftritts nicht los. Als wir
uns umblickten sahen wir auch, dass sich die Musik gut als Begleitung zum Lesen
eines Buches eignet, obwohl ich das vorher mit Sicherheit vehement abgestritten
hätte.
Im Kohlrabizirkus ist es kalt und so wollten wir dann doch wieder raus an
die Sonne. Die strahlte zwar noch so hell wie gute 1,5 Stunden vorher, doch ein
sibirischer Wind hatte die Stadt nun ergriffen. Nicht so schlimm, denn für mich
stand als nächstes ein Besuch in der Thomaskirche auf dem Programm. Dort sang
ein kleiner Chor Lieder des Mittelalters und der Renaissance. Das war angenehm
entspannend, also Augen zu und genossen. Draußen kühlte es derweil noch mehr
ab. Als ich dann nach einer Stunde genug entspannt war und die Kirche verließ,
konnte ich nur noch an warme Kleidung denken. Also ab nach Hause. Von dort wäre
es auch nicht weit gewesen zum Felsenkeller oder Superkronik, beides noch dick
angestrichen im Plan. Aber erst gab es stärkendes Schokoladeneis mit fetten
Schokostücken und dazu eine lehrreiche Folge der US Erfolgs-Serie “Bones”, in
welcher der Unterschied zwischen Death Metal und Black Metal erklärt wird. Man
kann ja nicht nur feiern. Danach fehlten uns aber Lust und Elan noch einmal
aufzuspringen und uns unters Volk zu mischen. Also suchten wir stattdessen
wieder auf MySpace nach Bands für Sonntag und gingen verhältnismäßig früh ins
Bett.
Den Pfingstsonntag starteten wir dann auch leicht dekadent mit einem Brunch
im Ring Café, nachdem wir zu Hause Brötchen und Kaffee zum Frühstück hatten.
Aber wann hat man schon mal die passende Gelegenheit, in dem Saal zu sitzen und
den alten DDR Charme zu genießen bei Livemusik von Klavier und Geige? Kreativ
wie wir sind überlegten wir uns auch gleich verschiedene Filmszenen, die man
dort super drehen könnte. Das Essen war übrigens auch nicht zu verachten.
Besonders für mich als Veganer gab es ein nettes Angebot.